Winters Garten

(Roman) SUHRKAMP 2015

 

Ein Narr, wer nichts von Abschieden weiß

 

Winters Garten, so heißt die idyllische Kolonie jenseits der Stadt, in der alles üppig wächst und gedeiht, die Pflanzen wie die Tiere, in der die Alten abends geigend auf der Veranda sitzen, die Eltern ihre Säuglinge wiegen und die Hofhunde den Kindern das Blut von den aufgeschlagenen Knien lecken.

 

Winters Garten, das ist der Sehnsuchtsort, an den der Vogelzüchter Anton mit seiner Frau Frederike nach Jahren in der Stadt zurückkehrt, als alles in Bewegung gerät und sich wandelt: die Häuser und Straßenzüge verfallen, die wilden Tiere in die Vorgärten und Hinterhöfe eindringen und der Schlaf der Menschen schwer ist von Träumen, in denen das Leben, wie sie es bisher kannten, aufhört zu existieren.

 

Sprachmächtig und in sinnlichen Bildern erzählt die junge österreichische Autorin Valerie Fritsch von einer Welt aus den Fugen. Und von zwei Menschen, die sich unsterblich ineinander verlieben, als die Gegenwart nichts mehr verspricht und die Zukunft womöglich ein Traum bleiben muss.


»Was macht Valerie Fritsch im Rest ihres Lebens, wenn sie jetzt schon so gut ist.« Jürg Laederach

 

 

 

kinder der unschärferelation

(Gedichte) Leykam 2015

 

Sie sind eine Sprachfamilie: Valerie Fritsch und Gudrun Fritsch, Tochter und Mutter, haben nicht nur vor vielen Jahren gemeinsam die ersten Buchstaben gemalt und das Alphabet erlernt, aber auch eine Sprache, die die Welt heute organisch einspinnt. Der Gedichtband kinder der unschärferelation ist eine Sprachevolution über die Generationen, der Werde- und Fortgang der Muttersprache, die sich irgendwann in zwei ganz und gar eigene Töne teilt. Das muntere Weiterwachsen der Worte, mit denen man aufgewachsen ist. Abwechselnd präsentieren Valerie und Gudrun Fritsch einen sehr persönlichen Katalog über die Stille der Orchester- und Schützengräben, Mohn und Nostalgie, Großmütter und Salzmänner, Außerirdische und Dinosaurier, Schwarzpulver und Sternenstaub, über die Kunst des Verschwindens und den Wahnsinn des Abschieds.

 

wir sind marschiert
weit weg in den schützen- + orchestergräben
neben den verstummten granat- + grammophontrichtern
nur die königskerzen in den händen
wie fackeln in der nacht

 



Die Welt ist meine Innerei

(Reisebriefe und Bilder) SEPTIME  2012

 

Valerie Fritschs Sprache gleicht einem Strudel, der einen durch die Dichte seiner Wort- und Bildschöpfungen in einen Sog zieht, dem man sich nicht entziehen kann. Die Weltenbummlerin, Autorin, Fotografin und Künstlerin dreht den Globus für uns und landet stets punktgenau dort, wo es zartbitter weh tut: Schönheit und Elend, Leben und Tod, Liebe und Schmerz liegen oft nah beieinander. Mal surreal, teils grotesk, immer zärtlich und teils wehmütig, immer mittendrin und dennoch aus der Distanz betrachtet führen ihre Beschreibungen nackt und schonungslos die Diversität der Welt vor Augen.

 

Es ist das Schweigen der Sterbehäuser in Äthiopien und es sind die lachenden Bonbonsüchtigen in Madagaskar, die ängstlichen Frauen in Russland mit turmhohen Schuhen und verfallenen Träumen, Großstadtdichtungen und Provinzerzählungen, weite Länder und enge Gassen. Valerie Fritsch entfaltet in ihren Briefen und Fotografien ein Verzeichnis der Sehnsucht und einen Katalog der Orte und: einen Speicher aller uralten Dinge, denen man allerorts begegnen kann. Was bleibt, ist der wilde Hunger des einen nach dem anderen auf der Welt.

 

Kein Reiseführer, mehr als nur ein Bildband – die Welt ist ihre Innerei, ist eine Synthese aus Worten und wunderbaren Bildern, die tief berührt und eine Sicht auf die Dinge freilegt, die einen manches Mal erschauern lässt.

 

Ich reise dem Verschwinden hinterher und ich verschwinde aus der Stadt mit jedem Gedanken an die Zukunft. Über den Slums und den tausend Dächern von Dhaka hängen die Regenbogen wie Frauenlächeln und verblassen in Sonnenschein und Smog. Über den Gassen liegen die Dünste von Aas und vergorenem Obst, und die Wassermelonen sitzen wie fette Weiber in grünen Kleidern an den Straßenrändern. Die Hennabemalungen schuppen sich von der Haut, an den Fingerspitzen zerbrechen die Abdrücke. And Melcholy Baby dies from an overdose of time.

 

 

 

Die VerkörperungEN

(Roman) Leykam 2011


 

Paris. Die roten Lichter der Freudenhäuser und die weißen Lichter der Krankenhäuser leuchten in dieser Stadt, wenn es um die Krankheiten und die Genüsse geht, die Gewohnheiten ausbleiben, aber die Abschiede einsetzen. Die Protagonistin, früher Hure und heute Ärztin in einer Palliativstation, erzählt von den Körpern als Orte gegenläufigen Erlebens, an denen radikale Entgrenzung und Lust, Zerfall und Heilung gleichermaßen stattfinden. Doch die Wirklichkeit, sagen ihre Patienten, ist manchmal kein guter Ort, um sich zu begegnen.
In ihrem Debütroman Die VerkörperungEN entwirft Valerie Fritsch ein Kaleidoskop der letzten Dinge, in dem sich Bilder von sinnlicher Lebensfreude, von Krankheit und Tod irisierend und irritierend zu einem unauflöslichen Ganzen vermischen.

Die Nächte: sind Tonüberlappungen, das Ticken der Uhren und das Schlagen der Zeiger, das Geräusch der fallenden Bettdecken und Kühlschranktüren, und die stillen Gebete derer, die Angst haben vor dem nächsten Tag. Es regnet wie Klavierspiel und Du spielst Klavier wie der Regen. Ich bin es leid: an die Liebe zu denken.